Flügel

Er steht am Fenster, als ich den Raum betrete – die Sonne fällt flach auf den Boden, zerteilt den Staub in goldene Linien.
„Guten Morgen“, sagt er, ohne sich umzudrehen, seine Stimme ruhig, warm, wie etwas, das nicht beeindrucken will.
Als er sich zu mir wendet, sehe ich das Tattoo: ein schwarzer Rabe, Flügel aus feinen Linien, halb geöffnet, als wäre er im Begriff, zu landen.

„Wir fangen langsam an“, sagt er.
Seine Hände sind sicher, aber nicht fordernd.
Er führt meine Bewegung, korrigiert nur leicht, ein Hauch von Druck – gerade genug, dass mein Körper sich erinnert, wie er Gewicht verlagert, ohne zu fürchten.

Ich frage, leise: „Warum ein Rabe?“
Er lächelt, fast unmerklich.
„Weil er fällt und fliegt zugleich“, sagt er.
Dann zeigt er auf meinen Arm: „Genau das lernen wir wieder. Fallen dürfen, ohne den Boden zu fürchten.“

Sein Blick bleibt ruhig, offen.
Und für einen Moment denke ich, dass Heilung in solchen Begegnungen beginnt – nicht mit Schmerz oder Fortschritt,
sondern mit einem Raben, der auf der Haut eines Fremden ruht,
und mit der plötzlichen Ahnung, dass man sich wieder bewegen darf.