Chamäleon


 Ich war ein Chamäleon der Extraklasse, wie auch er eines war, ein Chamäleon. Er passte sich an an die Menschen, er sah sie, er erkannte sie. Manchmal war er mir in seiner Analyse schon unheimlich, wie sehr er mich durchschaut hatte. Dieses ungeschminckte Gesehenwerden. Würden wir das miteinander teilen, sie und ich unter seiner Linse?

Auf´s Ohr

Lokale Autorinnen und Autoren lesen in der Stadtbibliothek Gütersloh. Ich bin dabei mit meinem Buch „Als die Demenz bei uns einzog und ich mir einen Roboter wünschte“.

So aktuell.

blaue Flosse

Er schwebt vor mir, im stillen Wasser hinter Glas.
Ein blauer Buntbarsch, kaum größer als eine Streichholzschachtel, doch von einer Gegenwart, die größer ist als der Raum. Sein Blau atmet, tief, langsam, wie ein Herz, das sich erinnert.

Ich bin hier, um zu lernen, wieder zu werden. Tag für Tag, Bewegung für Bewegung. Und während andere ihre Schritte zählen, zähle ich Augenblicke – solche wie diesen.

Er kommt näher, prüfend, nicht scheu.
Ich spüre seine Wachheit, das leise Vibrieren seines Körpers, als spräche er in einer Sprache, die nur das Wasser kennt.
In seinem Blick liegt etwas, das mich hält: Nicht Mitleid, sondern Anerkennung.
Als wüsste er, dass auch ich durch unsichtbare Strömungen schwimme, gegen Müdigkeit, gegen das Gewicht von Tagen. Gegen Diagnosen.

„Wie machst du das?“ frage ich. „Dieses Gleichgewicht zwischen Stille und Bewegung?“
Seine Flosse zuckt, ein kaum wahrnehmbares Beben, dann wendet er sich – eine einzige, vollkommene Drehung.
Im Wirbel seines Schwimmens sehe ich, was Heilung sein könnte:
Nicht das Zurück, sondern das sanfte Weiter.
Ein Einverständnis mit dem Wasser, mit der Grenze, mit dem Atem.

Er bleibt noch einen Moment vor mir, unbewegt, dann sinkt er tiefer in sein Blau.
Ich bleibe stehen, bis mein eigener Atem ruhiger wird.
Und zum ersten Mal seit Langem denke ich:
Vielleicht heilt man, wenn man aufhört, sich zu wehren.

Flügel

Er steht am Fenster, als ich den Raum betrete – die Sonne fällt flach auf den Boden, zerteilt den Staub in goldene Linien.
„Guten Morgen“, sagt er, ohne sich umzudrehen, seine Stimme ruhig, warm, wie etwas, das nicht beeindrucken will.
Als er sich zu mir wendet, sehe ich das Tattoo: ein schwarzer Rabe, Flügel aus feinen Linien, halb geöffnet, als wäre er im Begriff, zu landen.

„Wir fangen langsam an“, sagt er.
Seine Hände sind sicher, aber nicht fordernd.
Er führt meine Bewegung, korrigiert nur leicht, ein Hauch von Druck – gerade genug, dass mein Körper sich erinnert, wie er Gewicht verlagert, ohne zu fürchten.

Ich frage, leise: „Warum ein Rabe?“
Er lächelt, fast unmerklich.
„Weil er fällt und fliegt zugleich“, sagt er.
Dann zeigt er auf meinen Arm: „Genau das lernen wir wieder. Fallen dürfen, ohne den Boden zu fürchten.“

Sein Blick bleibt ruhig, offen.
Und für einen Moment denke ich, dass Heilung in solchen Begegnungen beginnt – nicht mit Schmerz oder Fortschritt,
sondern mit einem Raben, der auf der Haut eines Fremden ruht,
und mit der plötzlichen Ahnung, dass man sich wieder bewegen darf.